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Diskussion für Fortgeschrittene Sek II

Kann, darf und muss man Toleranz erzwingen?

In der modernen Welt des 21. Jahrhunderts beschäftigen uns ziemlich frequentiert Fragen und Diskussionen bezüglich der Toleranz. Während einige Lager sich ausdrücklich für mehr Toleranz in der Gesellschaft aussprechen, behaupten konträre Kräfte, dass man die Kapazität der Toleranz längst ausgeschöpft hätte. Die Frage nach der richtigen Menge an Toleranz soll gar nicht Thema dieses Essays sein, Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler wie Karl Popper oder Rainer Forst haben diese Frage bereits erschöpfend erörtert, als Exposition gehen wir für unseren Beitrag von der Toleranz als Notwendigkeit für Demokratie und ein beständiges Sozialsystem aus.  Aufgrund dieser hohen Dependenz unserer modernen Gesellschaft zum Beispiel in Deutschland stellen sich für uns drei konsekutive Fragen, deren Antworten wir uns in diesem Essay annähern wollen:

KANN man Toleranz erzwingen?

DARF man Toleranz erzwingen?

MUSS man Toleranz erzwingen?

Kann man Toleranz erzwingen?

Zunächst meint erzwingen genau was? Liegt es in der Vorstellung, mit einer Waffe am Kopf vor dem eigenen Grab zu knien, damit man toleriert, dass einem der Bruder seinen Joghurt weggegessen hat? Wohl kaum. „Erzwingen“ bezieht sich viel mehr auf ein Lernen, welches man während seiner frühen Entwicklungsphase nicht umgehen kann, also formal „gezwungen“ wird. Toleranz kann man also lernen? Wenn wir nicht davon ausgehen, dass wir mit einem angeborenen Streben für Toleranz auf die Welt kommen, was einem naturalistischen Moralverständnis entsprechen würde, dann ist jegliches Streben nach Toleranz erlernt. Wie bereits erwähnt ist das Erlernen dieses Toleranzstreben nur bedingt freiwillig, da es jedem kultiviertem Menschen in seiner Jugend durchaus injiziert wird. Kultiviert meint hier tatsächlich nicht zwingend menschlichen Kontakt, viel mehr überhaupt eine Integration in irgendeine Form von Gesellschaft. Selbst ein Mensch der unter Tieren aufwachsen würde, hätte ein gewisses Verständnis von Toleranz erlernt. Im einem solchen Extremfall würde Toleranz hier für kranke Rudelgenossen oder Junge gelten. Selbst unter Menschen gibt es für intolerante Personen Sensibilisierungsprogramme bei denen man es sogar nachträglich erlernen kann. Diese Programme kann man selbstständig in Anspruch nehmen, oder jedoch man bekommt sie aufgrund von intolerantem Verhalten, zum Beispiel auf der Arbeit, als Pflicht aufgezwungen. Es ist also in einem Sozialwesen auch deutlich ein Drang zu erkennen seine Mitglieder tolerant zu halten, über Gesetze, Normen, Werte, alles Dinge denen man kaum im Alltag entkommen kann. Diese dauerhafte Konfrontation wird einen Menschen allermindestens nach außen hin tolerant stimmen, es sei denn er will in seinem Umfeld missbilligende Blicke einholen. Dazu muss man erwähnen: nicht alle Menschen sind deshalb tolerant. In dem Fall, in welchem man eingegliedert ist in ein Subsystem, welches intolerantes Verhalten bestärkt, könnte der gesamte Effekt rekursiv auftreten. Für solche Menschen gibt es ja die Programme. Es ist also mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, dass man Toleranz erzwingen, bzw. lernen kann.


Darf man Toleranz erzwingen?

Für die Beantwortung dieser Frage lohnt es sich noch einmal die Vorteile einer toleranten Gesellschaft zu benennen. Zunächst weist eine tolerante Gesellschaft wesentlich weniger Konfliktpotenzial auf, da sich die Gemeinschaft wenig dafür interessiert innerhalb ihrer Gruppe Gleichheit herzustellen, wenn nötig auch mit Gewalt. Der bestehende Pluralismus wird einfach ertragen und eine Zweckmäßigkeit verfolgt, den Frieden innerhalb der Gruppe aufrecht zu halten. Diese „zweckmäßige Toleranz“ ist dabei das Mindestmaß an bestehender Toleranz, bei der lediglich ein Modus Vivendi aufrecht erhalten wird. Steigerungsformen, bei denen dann tatsächlich Elemente wie Anerkennung eine Rolle spielen, haben natürlich Vorteile für die tolerante Person selbst, sie hat Abseits des Zweckes für ihre eigene geistige Gesundheit zusätzlich ein Motiv. Diese zusätzliche Komponente ist allerdings wesentlich schwieriger zu erziehen und auch zu erzwingen, schließlich baut sie auf persönliche Integrität. Spielt für diese Frage grundsätzlich aber keine maßgebliche Rolle, da die Resultate sich sehr ähneln: man erhält eine weniger konfliktbereite Gesellschaft, ob tolerant nach außen oder sogar nach innen reflektiert. Zusätzlich erlaubt eine tolerante Gesellschaft eine sehr gute Annäherung an ein Optimum für sämtliche Mitglieder, durch eine hohe Kompromissbereitschaft. Das führt langfristig zu einem möglichst idealen Zusammenleben zwischen allen Bevölkerungsgruppen einer Gesellschaft: unabhängig von Alter, Wohlstand, oder Geschlecht. Nachteile gibt es zwar auch: Pluralismus ist zeitintensiver, eine klare Positionierung wird komplizierter und es kann paradoxerweise zu einer größeren Spaltung der Gesellschaft führen, insofern Gemeinsamkeiten in den Schatten rücken. Außerdem kann diese Spaltung im schlimmsten Fall zu einer Ausbildung von Extremen führen, welche eine Gesellschaft destabilisieren. Ein Beispiel wäre die Weimarer Republik, bei der am Ende nur noch Extrema in starker Divergenz bestanden. Diese Punkte sind relevant für die Frage des Dürfens, schließlich schließt eine Ermächtigung immer einen Zweck ein. Wenn der Zweck ist eine wenig konfliktbereite, diverse und kompromissbereite Gesellschaft zu erhalten, bedarf es einen gewissen Zwang an Toleranz, erneut vermittelt durch frühkindliche Erziehung. Selbst wenn eine solche Gesellschaft nach Nennung der Contras unter keinen Umständen perfekt ist, ist sie dem Gegenteil klar überlegen, aufgrund der erhöhten Medianzufriedenheit der Gesellschaft. Deshalb ist es wohl kaum verpöhnt Toleranz zu erzwingen und somit, auch durch seine positive Konnotation, erlaubt.


Und als mögliche logische Konsequenz aus kann und darf:
Muss man Toleranz erzwingen?

Wie die vorhergegangenen Fragen geklärt haben, besteht zum einen die Möglichkeit Toleranz durch Erlernen und zweckmäßige Urteile zu erzwingen und zusätzlich ist ein solches Erzwingen weitestgehend vorteilhaft und somit als erlaubt festgelegt. Lasst uns nun also den Rahmen zurück zur Einleitung ziehen und uns abschließend fragen ob wir die Toleranz heute so sehr benötigen, dass wir sie erzwingen müssen. Intolerante Kräfte sind da klar positioniert: sie glauben es wäre genug tolerant gewesen und es würden durch Toleranz lediglich so lange Grenzen verwässert, bis keiner mehr welche besitzt. Natürlich ist an dieser Argumentation nicht grundsätzlich alles verkehrt. Ein Übermaß an Toleranz ist, wie auch schon im Toleranzparadoxon von Popper und Anderen geklärt, keinesfalls eine gute Sache. Eine Gesellschaft ohne erzwungene Toleranz, wäre die denn besser? Unwahrscheinlich. Intolerante Gesellschaften würden sich ineinander sekludieren, kleine Extremgruppen bilden die keinen Kompromiss zustande bringen könnten. Die einzige Möglichkeit wie solch Spaltung ohne Krieg funktionieren würde, wäre einheitliche Gleichschaltung zu einem gemeinsamen Konvolut, was jedoch ebenfalls erzwungen werden müsste. Zwang ist hier eine gewisse Kongruenz, jedoch wäre es wohl vorzuziehen einem Menschen Toleranz als Grundwert aufzuzwingen, als eine Massenindoktrination durchzuführen. Wer eine Gesellschaft will, in der mehr als ein Meinungsstrang koexistiert, der muss wohl Toleranz erzwingen. Zwang hört sich dabei grundsätzlich negativ an, jedoch ist ein Zwang zur Toleranz im Großen gesehen nichts destruktives. Es beschwert sich sichtlich niemand, dass man seinem Kind laufen beibringt, ob es will oder nicht, da die Vorteile sichtlich überwiegen. Toleranz schafft Harmonie und eine gewisse Grundpolung selbst rekursive Ansichten zumindest zu evaluieren, anstatt sie zu verteufeln. Toleranz schafft Stärke gegenüber Imperfektion, meint hier, wenn etwas von seiner persönlich als perfekt angesehenen Ansicht abweicht. Zusätzlich macht es durchschnittlich glücklicher und weniger verbittert, wenn man es leichter akzeptieren kann unveränderliche Sachverhältnisse anzunehmen. Toleranz ist und bleibt essenziell für eine harmonische und pluralistische Gesellschaft, sowie für ein durchschnittlich glücklicheres Leben eines Individuums und muss dementsprechend erzwungen werden.


Schlusswort

Seid ihr vielleicht abweichender Meinung, habt intellektuelle Einwände, oder plediert einfach auf grundsätzliche Ablehnung, so sei es euch gestattet im Forum einen Diskurs zu entfachen. Uns ist klar das ein solches Thema nahezu unerschöpflichen Stoff bietet und unzählbare Beispiele an denen man alles Gesagte drehen und wenden kann, es ist schier nicht möglich alles einzubeziehen, darum seht dies als ersten Impuls dieser Fragestellung und helft gerne uns weiterhin asymptotisch einer idealen Antwort anzunähern. Wir bedanken uns für das aufmerksame Lesen und hoffen zumindest ein wenig euren präfrontalen Kortex gekitzelt zu haben.

Arwin Ernst, Arthur Müller

17. Oktober 2026