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Sek II

TOLERANZ

Toleranztag der Unesco - Über Wahrheit, Dummheit und Toleranz
toleranz – Google Suche

In einer vielfältigen Gesellschaft sind sich Menschen nicht immer einig – über Religion, Politik oder darüber, wie man leben sollte. Doch wie können wir friedlich zusammenleben, wenn wir bestimmte Überzeugungen oder Verhaltensweisen ablehnen? Hier kommt Toleranz ins Spiel. Sie bedeutet nicht, dass wir alles gutheißen müssen. Sie fragt vielmehr, wann und warum wir anderen trotz unserer Einwände Freiheit lassen sollten.

Inhaltsverzeichnis
  1. Was ist Toleranz?
  2. Toleranz heute
    • Konzepte der Toleranz nach Rainer Forst
    • Toleranzkomponente
    • Karl Popper
  3. Die Geschichte der Toleranz
  4. Fazit / Abschluss

1. Was ist Toleranz?

Toleranz bedeutet, Überzeugungen, Handlungen oder Lebensweisen zu dulden, die man selbst für falsch oder problematisch hält. Sie setzt also eine Spannung voraus.

Wer etwas gutheißt, muss es nicht tolerieren. Wer gleichgültig ist, hat keinen Einwand. Toleranz liegt dazwischen. Sie bedeutet, trotz eines begründeten Vorbehalts auf Unterdrückung zu verzichten.

Eine kleine Gegenüberstellung, um die Begriffe verdeutlichen:

Gleichgültigkeit („Es ist mir egal“)

Toleranz („Ich lehne es ab, lasse es aber gelten“)

Zustimmung („Ich finde es gut“)


2. Was ist Toleranz heute?

Der Philosoph Rainer Forst beschreibt verschiedene Vorstellungen davon, was Toleranz bedeutet:

  • Erlaubniskonzept: Eine mächtigere Mehrheit gestattet einer Minderheit, ihre Überzeugungen zu leben. Allerdings unter Bedingungen und solange die Mehrheit es zulässt. Die Beteiligten sind nicht gleichgestellt.
  • Koexistenzkonzept: Gruppen dulden einander, weil ein friedliches Nebeneinander besser ist als ein Konflikt. Häufig beruht die Toleranz auf gegenseitigem Nutzen oder einem Kräftegleichgewicht.
  • Respektkonzept: Menschen betrachten einander als politisch und moralisch gleichberechtigt, auch wenn sie unterschiedliche und miteinander unvereinbare Überzeugungen haben. Toleranz beruht hier auf gegenseitigem Respekt.
  • Wertschätzungskonzept: Unterschiedliche Überzeugungen oder Lebensformen werden nicht nur respektiert, sondern teilweise positiv gewürdigt. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Unterschiede gleichermaßen gutgeheißen werden.

Forst zufolge ist das Respektkonzept besonders bedeutsam für eine gerechte pluralistische Gesellschaft. Menschen müssen nicht dieselben Werte teilen, sollten einander aber als gleichberechtigt anerkennen.

Toleranz enthält einen Einwand, einen Grund und eine Grenze. Ohne Ablehnung wäre es eher Zustimmung und ohne Grenze könnte Toleranz Beliebigkeit bedeuten.

Toleranz lässt sich in drei Komponenten gliedern:

  1. Ablehnungskomponente: Es gibt einen nachvollziehbaren Einwand gegen eine Überzeugung oder Praxis. Ohne diesen Vorbehalt wäre keine Toleranz nötig.
  2. Akzeptanzkomponente: Trotz des Einwands sprechen Gründe dafür, die betreffende Praxis zu dulden – zum Beispiel gleiche Rechte, Freiheit oder die Achtung der Person.
  3. Zurückweisungskomponente: Die Toleranz hat Grenzen. Praktiken, die grundlegende Rechte verletzen oder anderen die gleiche Freiheit nehmen, müssen nicht hingenommen werden.

Diese drei Komponenten zeigen, dass Toleranz weder bloße Zustimmung noch grenzenloses Gewährenlassen ist.

Die Konzepte von Forst helfen, unterschiedliche Formen und Begründungen der Toleranz zu unterscheiden. Wie zeigt sich Toleranz aber im Alltag, und wo liegen ihre Grenzen?

  • Heute zeigt sich Toleranz im Alltag, in der Schule und besonders in Social Media und Online-Debatten: Unterschiedliche Ansichten auszuhalten heißt nicht, auf sachliche Kritik zu verzichten oder Diskriminierung hinzunehmen.
  • In einer Gesellschaft, die von Migration und religiöser Vielfalt geprägt ist, schützen die Meinungsfreiheit nach Artikel 5 und die Religionsfreiheit nach Artikel 4 des Grundgesetzes unterschiedliche Überzeugungen. Artikel 3 des Grundgesetzes und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) setzen dem Schutz vor Diskriminierung Maßstäbe.
  • Toleranz und Respekt hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe: Toleranz bedeutet, etwas trotz eines Einwands gelten zu lassen; Respekt bedeutet, andere als gleichberechtigt anzuerkennen.
  • Die UNESCO verabschiedete 1995 die Erklärung von Prinzipien der Toleranz; der Internationale Tag der Toleranz wird jährlich am 16. November begangen.

Wie weit Toleranz reichen soll und wo ihre Grenzen liegen, wird im Folgenden mit Popper genauer beleuchtet.

Der Philosoph Karl Popper weist auf ein mögliches Paradox hin: Wenn eine Gesellschaft gegenüber allen Kräften unbegrenzt tolerant ist, könnten intolerante Bewegungen diese Offenheit nutzen, um anderen die Freiheit zu nehmen. Popper zufolge darf eine offene Gesellschaft daher ihre demokratischen Institutionen und die Rechte ihrer Mitglieder schützen. Das bedeutet nicht, jede intolerante Äußerung sofort zu verbieten. Solange sich Konflikte durch Argumente und öffentliche Diskussion austragen lassen, sollten diese Mittel Vorrang haben. Gegen Bewegungen, die Gewalt einsetzen und die Rechte anderer abschaffen wollen, kann jedoch Widerstand nötig sein.

Popper stellt der offenen Gesellschaft eine geschlossene Gesellschaft gegenüber. In einer offenen Gesellschaft dürfen Bürgerinnen und Bürger politische Entscheidungen kritisieren, unterschiedliche Weltanschauungen vertreten und Veränderungen anstoßen. Macht soll kontrolliert und friedlich ablösbar sein.

Eine geschlossene Gesellschaft dagegen verlangt eher Gehorsam gegenüber festen Autoritäten oder einer verbindlichen Ideologie und schränkt Kritik ein. Offenheit bedeutet nicht, dass jede Entscheidung beliebig ist: Sie beruht auf Regeln, die Freiheit und gleiche Rechte schützen.

Popper erinnert daran, dass Toleranz Grenzen haben kann, wenn Freiheit und gleiche Rechte bedroht werden. Doch wie ist unser heutiges Verständnis von Toleranz entstanden? Ein Blick auf die Geschichte zeigt, wie sich der Umgang mit religiösen und politischen Unterschieden über Jahrhunderte verändert hat.


3. Die Geschichte der Toleranz
Antike

Im Perserreich ließ Kyros der Große nach der Eroberung Babylons 539 v. Chr. lokale Kulte und Traditionen bestehen. Im Römischen Reich bestand religiöser Pluralismus, doch Christenverfolgungen bildeten eine wichtige Ausnahme. Das Toleranzedikt des Galerius von 311 beendete staatliche Verfolgungen der Christen und gewährte ihnen Religionsausübung. Das Edikt von Mailand 313, verbunden mit Kaiser Konstantin und Licinius, bestätigte die Religionsfreiheit und die Rückgabe beschlagnahmten christlichen Eigentums. Um 400 deutete Augustinus tolerantia als Erdulden anderer Menschen und ihrer Irrtümer. Eine Gleichheit der Religionsrechte im heutigen Sinn bestand nicht.

Mittelalter

Im mittelalterlichen Europa lebten Juden und Muslime in unterschiedlichen politischen und rechtlichen Verhältnissen neben christlichen Mehrheiten. Zugleich waren sie wiederholt Verfolgung und Ausgrenzung ausgesetzt. Inquisition und Kreuzzüge stehen für religiös begründete Verfolgung und Gewalt. Al-Andalus auf der Iberischen Halbinsel gilt als Beispiel zeitweiliger und begrenzter Koexistenz von Muslimen, Christen und Juden, nicht als durchgehend friedliches Zusammenleben. Toleranz im modernen Sinn gleicher individueller Religionsfreiheit gab es nicht.

Reformation und Religionskriege

Martin Luther veröffentlichte 1517 seine 95 Thesen. Die Reformation führte zu tiefgreifenden religiösen und politischen Konflikten. Die Bauernkriege von 1524 bis 1525 waren ein vielschichtiger Aufstand, nicht allein ein Religionskrieg. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 regelte die Konfessionszugehörigkeit in vielen Territorien des Heiligen Römischen Reiches nach dem Grundsatz „cuius regio, eius religio“. Das Edikt von Torda in Siebenbürgen (1568) gewährte begrenzte Religionsfreiheit, die Konföderation von Warschau (1573) sicherte im polnisch-litauischen Adel einen begrenzten Religionsfrieden. Das Edikt von Nantes (1598) gewährte französischen Protestanten eingeschränkte Rechte, Ludwig XIV. widerrief es 1685. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) endete mit dem Westfälischen Frieden 1648, der die konfessionelle Ordnung im Reich neu regelte.

17. Jahrhundert

Die Niederlande wurden im 17. Jahrhundert für verschiedene religiöse Minderheiten zu einem wichtigen, wenn auch nicht uneingeschränkt sicheren Zufluchtsort.

John Locke [1]lebte ab 1683 im Exil in den Niederlanden und kehrte 1689 nach England zurück. Der englische Toleration Act von 1689 gewährte bestimmten protestantischen Nonkonformisten begrenzte Religionsausübung, schloss aber unter anderem Katholiken und Unitarier aus.

Aufklärung

Lockes „Brief über die Toleranz“ erschien 1689 und begründete religiöse Duldung politisch, allerdings mit erheblichen Ausschlüssen.

Voltaire [2]veröffentlichte 1763 seinen „Traktat über die Toleranz“, angeregt durch den Fall Jean Calas. Gotthold Ephraim Lessings Drama „Nathan der Weise“ (1779) wirbt für Menschlichkeit und religiöse Verständigung. Das Toleranzpatent Josephs II. von 1781 erweiterte in den habsburgischen Ländern die Rechte nichtkatholischer Christen, ohne vollständige Gleichstellung zu schaffen. Die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 verankerte unter anderem Meinungsfreiheit und religiöse Toleranz.

19. und 20. Jahrhundert

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Religionsfreiheit zunehmend in Verfassungen und internationalen Vereinbarungen festgeschrieben. Die nationalsozialistische Verfolgung und der Holocaust zeigten die Folgen von Rassismus, Antisemitismus und staatlicher Entrechtung. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 schützt in Artikel 18 Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Das Grundgesetz von 1949 gewährleistet diese Rechte insbesondere in Artikel 4 und schützt die Gleichheit vor dem Gesetz in Artikel 3. Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ erschien 1945 und behandelt unter anderem die Frage, wie eine offene Gesellschaft ihre Freiheit gegen ihre Feinde schützen kann.


4. Fazit / Abschluss

Toleranz bedeutet nicht, jede Meinung gutzuheißen oder alles widerspruchslos hinzunehmen. Sie verlangt, zwischen dem eigenen Einwand und dem Recht anderer auf Freiheit zu unterscheiden. Forst hilft, verschiedene Formen der Toleranz zu unterscheiden, und Popper erinnert daran, dass eine offene Gesellschaft ihre Freiheit schützen muss. Die historische Entwicklung von frühen Formen religiöser Duldung bis zu Locke und Voltaire zeigt, wie sich Vorstellungen von Toleranz verändert haben. Toleranz bleibt deshalb eine gemeinsame Aufgabe: Sie braucht Respekt, begründete Grenzen und die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen kritisch zu prüfen.


[1] John Locke gilt als ein wichtiger Begründer der modernen religiösen Toleranz. In seinem 1689 veröffentlichten Brief über die Toleranz argumentiert er, dass Menschen in Glaubensfragen fehlbar sind und der Staat keinen Glauben erzwingen kann: Glaube müsse innerlich und freiwillig sein. Die Aufgabe des Staates bestehe vor allem darin, Leben, Freiheit und Eigentum zu schützen. Kirchen seien freiwillige Gemeinschaften. Locke schloss allerdings bestimmte Gruppen, darunter Atheisten und in bestimmten Kontexten Katholiken, von seiner Toleranz aus. Seine Position war deshalb weniger umfassend als ein heutiger Anspruch auf gleiche Religionsfreiheit.

[2]Voltaire, einer der einflussreichsten französischen Aufklärer, wandte sich gegen religiöse Verfolgung und Justizwillkür. Besonders beschäftigte ihn der Fall des protestantischen Kaufmanns Jean Calas, der 1762 in Toulouse aufgrund eines Fehlurteils hingerichtet wurde. In seinem Traktat über die Toleranz von 1763 setzte Voltaire sich für die Rehabilitierung der Familie ein. Er betonte die Fehlbarkeit aller Menschen und verstand Toleranz als Heilmittel gegen religiöse Zwietracht. Anders als Locke argumentierte er besonders öffentlich und appellierte an moralische Empörung und Mitgefühl.