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Sek II

Toleranz / Intoleranz

Toleranz heißt, andere Ansichten, Glaubensrichtungen und Lebensarten zu akzeptieren, selbst wenn sie nicht mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmen. Sie ist eine wesentliche Bedingung für eine friedliche Koexistenz. Toleranz heißt nicht, dass man alles mit Freuden hinnehmen soll oder jeder Ansicht zustimmen muss. Es geht vielmehr darum, andere zu respektieren und ihnen die gleichen Rechte zu gewähren, die man für sich selbst beansprucht.

Doch Toleranz hat auch Grenzen. Was passiert beispielsweise, wenn jemand die Freiheit anderer Menschen ablehnt oder versucht, ihnen ihre Rechte wegzunehmen? Muss man auch solche Einstellungen tolerieren? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Philosoph Karl Popper.


Karl Popper 1902 – 1994

Karl Popper (1902–1994), ein Philosoph mit österreichisch-britischer Herkunft, gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Er kam in Wien zur Welt und emigrierte 1937 aufgrund der politischen Entwicklungen und des aufkommenden Nationalsozialismus nach Neuseeland. Er lebte und arbeitete später in Großbritannien.
Sein Denken wurde stark von den Erfahrungen mit autoritären und totalitären politischen Systemen geprägt. Popper engagierte sich für eine Demokratie, Meinungsfreiheit und eine offene Gesellschaft, in der Menschen ihre Meinungen frei äußern und politische Entscheidungen hinterfragen können.

In seinem 1945 veröffentlichten Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde beschäftigte sich Popper mit der Frage, wie eine freie Gesellschaft geschützt werden kann. Er übte Kritik an politischen Ideologien, die sich gegen Andersdenkende richten und keine Kritik dulden. Er arbeitete dabei einen Gedanken aus, der noch immer von Bedeutung ist: das Paradoxon der Toleranz.


Das Paradoxon der Toleranz

Das Paradoxon der Toleranz, so genannt, beschreibt einen anscheinend widersprüchlichen Sachverhalt: Eine Gesellschaft, die alles ohne Einschränkung toleriert, könnte dadurch auf lange Sicht ihre eigene Toleranz verlieren. Denkt daran, dass es in einer Demokratie jedem Menschen erlaubt ist, seine Meinung ohne Einschränkungen kundzutun. Das trifft auch auf Personen zu, die beabsichtigen, die Demokratie abzuschaffen und anderen die Freiheit zu nehmen. Gibt es in einer Gesellschaft auf derartige Bestrebungen keinerlei kritische Reaktionen, so könnte dies dazu führen, dass die Macht intoleranter Gruppen wächst. Im schlimmsten Fall schaffen sie die Rechte und Freiheiten ab, die es ihnen ursprünglich ermöglicht haben, ihre Ansichten zu verbreiten.

Damit entsteht eine zentrale Frage: Ist das Überleben einer toleranten Gesellschaft möglich, wenn diese auch Intoleranz ohne Grenzen toleriert?

Popper war der Meinung, dass es für eine Gesellschaft nicht verpflichtend ist, jede Art von Intoleranz ohne Widerspruch zu akzeptieren. Solange es möglich ist, intolerante Ansichten durch Argumente und Diskussionen zu begegnen, sollte man auf Vernunft und öffentliche Kritik setzen. Eine offene Gesellschaft darf sich gegen intolerante Bewegungen verteidigen, die Gespräche ablehnen und versuchen, andere durch Gewalt oder Unterdrückung zum Schweigen zu bringen. Es bedeutet jedoch nicht, dass jede extreme oder unpopuläre Meinung verboten werden sollte. Vielmehr ist entscheidend, ob Menschen die Freiheit und die Rechte anderer angreifen.


Toleranzkonzeptionen


Erlaubniskonzeption:

  • Beziehung zwischen Autorität oder Mehrheit und einer von deren Wertvorstellungen abweichende Minderheit(en) → Toleranz als Erlaubnis gegenüber der Minderheit auf ihre Art zu leben, solange sie die Autorität nicht in Frage stellt
  • Anderssein der Minderheit sollte Privatsache sein → nicht öffentliche Unruhe/Ordnung stören

→ nicht-reziproke Toleranzsituation

Koexistenz-Konzeption

  • vorrangig pragmatisch-instrumentelle Begründung der Toleranz (Konfliktvermeidung, Zielverfolgung)
  • gleichrangige Gruppen, statt Autorität + Minderheit → Toleranz für sozialen Frieden – wechselseitiger Kompromiss → Koexistenz, statt Konflikt
  • kein normativer Charakter → kein stabiler sozialer Zustand, denn bei Ändern der Machtverhältnisse kann Toleranz beendet werden
  • Misstrauen

Respektkonzeption

  • moralische Begründung: wechselseitige Achtung sich tolerierender Menschen(gruppen) → autonome Personen/ gleichberechtigte Mitglieder einer rechtsstaatlich verfassten politischen Gemeinschaft
  • andere Einstellungen nicht als wahr oder ethisch gut ansehen + schätzen, sondern als autonom gewählt, nicht unmoralisch + nicht ungerecht

1. Modell formaler Gleichheit:

  • Trennung Privat vs. öffentlicher Raum, ethische Differenzen nur im Privaten austragen, keine Konflikte in öffentlich-politischer Sphäre

→ französische Behörden: keine Kopftücher in Schule (Öffentlichkeit)

2. Modell qualitativer Gleichheit:

  • keine Trennung von Privatem + öffentlichem Raum
  • Modell 1 bevorzugt Lebensformen, bei denen diese Trennung leichter fällt → unfair
  • Respektieren von unterschiedlichen, politisch relevanten ethisch-kulturellen Identitäten, aufgrund von besonderer existentieller Bedeutung

Wertschätzungskonzeption

  • andere Überzeugungen + Praktiken als ethisch wertvoll schätzen
  • reservierte Wertschätzung, da Ablehnungskomponente zentral für Toleranz (schätzen einiger Seiten, andere ablehnen
  • es gibt bestimmte, sozial geteilte Vorstellungen des guten Lebens, deren partielle Variationen tolerierbar sind

Wo endet Toleranz

Den Überlegungen von Karl Popper zufolge ist Toleranz nicht dasselbe wie uneingeschränkte Akzeptanz. Eine Gesellschaft, die frei ist, muss verschiedene Ansichten akzeptieren, aber auch in der Lage sein, sich gegen jene zu verteidigen, die anderen ihre Freiheit rauben wollen. Das Paradoxon der Toleranz weist uns darauf hin, dass eine Gesellschaft ihre Freiheit verlieren kann, wenn sie Intoleranz ohne jede Kritik akzeptiert. Die zentrale Frage ist demnach folgende: Wie können wir abweichende Ansichten achten, ohne dabei zuzulassen, dass die Freiheit anderer Menschen vernichtet wird?


Noch mehr Interesse? Diese beiden Videos geben guten Aufschluss!